07 June 2026, 18:16

"Eine Mark mehr!" – Wie Migrantinnen 1973 die Lohnungerechtigkeit bei Pierburg stürmten

Wenn Frauen ihre Chefs auf die Knie zwangen

"Eine Mark mehr!" – Wie Migrantinnen 1973 die Lohnungerechtigkeit bei Pierburg stürmten

Im August 1973 brach im Pierburg-Werk in Neuss ein historischer Streik aus. Arbeiterinnen – viele von ihnen Migrantinnen aus ganz Europa – legten die Arbeit nieder, um faire Löhne zu fordern. Ihr Protest sollte nicht nur bei Pierburg, sondern bundesweit die Entlohnungsregeln verändern.

Der Streik begann am Montag, dem 13. August, als etwa 20 Frauen die Arbeit niederlegten. Bis Ende der Woche hatten sich Hunderte angeschlossen. Ihre zentrale Forderung war einfach: eine Lohnerhöhung um eine Mark, zusammengefasst im Slogan „Eine Mark mehr!“. Die Frauen, die meisten unter der Tarifgruppe „leichte Arbeit, Gruppe 2“ beschäftigt, verdienten für dieselbe Arbeit weniger als ihre männlichen Kollegen.

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Die Polizei ging gewaltsam gegen die Proteste vor. Beamte setzten Gewalt ein, ein Polizist wurde wegen rassistischer Beleidigungen angezeigt. Trotz dieser Repression wuchs die Solidarität: Künstler wie Joseph Beuys unterstützten die Streikenden, ebenso Arbeiter aus anderen Städten. Besonders bemerkenswert war, dass sich auch männliche Kollegen solidarisierten – ein seltener Schulterschluss in jener Zeit.

Nach fünf Tagen gab die Unternehmensführung nach. Am Freitag, dem 17. August, bot sie eine Lohnerhöhung von 53 bis 65 Pfennig an. Noch wichtiger: Die Tarifgruppe „leichte Arbeit, Gruppe 2“ wurde vollständig abgeschafft. Diese Entscheidung wirkte weit über Pierburg hinaus – sie beendete die diskriminierende Lohnstufe in ganz Deutschland.

Der Streik bei Pierburg dauerte weniger als eine Woche, doch seine Wirkung war nachhaltig. Die Abschaffung der „leichten Arbeit, Gruppe 2“ sorgte dafür, dass Frauen in vergleichbaren Positionen nicht länger benachteiligt wurden. Der Protest markierte zudem einen Wendepunkt: Er war einer der ersten großen Streiks in Deutschland, bei dem sich männliche Arbeiter offen auf die Seite ihrer Kolleginnen stellten.

Quelle